Die Qualität von Nähe – in Video-Meetings

Viele Webinare sind heute wie abgefilmtes Theater: seeehhr langweilig. Aber es geht auch besser: Entertainment, körperliche Bewegung, kreative Kleingruppenarbeit mit allen Sinnen und Humor gehören dazu. Nur so können wir in Webinaren mit anderen Menschen zusammen lernen, aktiv werden und Kontakt ausprobieren. Wir können zusammen atmen, essen, trinken, sogar singen funktioniert per Video!

Als Trainerin lasse ich mir mehr einfallen als nur mit meinem Plan digital zu gehen: Ich bringe mehr Leben in die Bude als vorher. Improvisation, die Lust, sich zu zeigen und eine neue Haltung gegenüber Video-Formaten ist nötig. Ist nicht jedermanns Sache? Kann es aber werden! Schauen Sie mal:

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Beitragen, die bestmögliche Qualität von Nähe zu gestalten – auch digital.

Auch per Video kann die Arbeit mit Gruppen intensiv und persönlich sein  – wenn die Technik professionell unterstützt: In dem obigen Video hatte ich eine Auto-bewegliche Kamera, die mich auf 3 verschiedene Positionen verfolgt und fokussiert hat. Die TeilnehmerInnen (TN) haben mehr für’s Auge. Ein Profi- Headset-Mic unterstützt entscheidend eine gute Ton-Qualität. Angenehm für alle TN. Wenn dann noch ein paar Grundregeln für die Kommunikation berücksichtigt werden und Kreativität ins Spiel kommt: Ja, dann kann es auch verdammt viel Spaß machen, das Lernen.

Eine Teilnehmerin gab ein schönes Feedback auf eines meiner diesjährigen Digital-Formate aus Mai 2020: Ein Training für Selbstführung und Kommunikation:

…vielen lieben Dank für den tollen Tag, ich gehe sehr glücklich aus dem Seminar.

Ich habe „leider“ nichts zu bemängeln an dem heutigen Tag, da es so viele tolle Aspekte gab, die ich von vorherigen Seminaren nicht kenne. Beispielsweise das gemeinsame Trinken. Eigentlich ist das total banal, aber man fühlt sich direkt viel verbundener mit der Gruppe. Auch die vielen Bewegungsübungen waren extrem hilfreich. Ich finde es schön, dass es in dem Coaching nicht primär um „Schneller, höher, weiter!“ geht, sondern eher darum, erstmal für sich selbst das Gute rauszufinden.“

Mit Abstand in den Arm nehmen. Geht das?

Es hilft nichts. Es wird wohl in nächster Zeit das Video-Training /-Seminar / -Meeting sein. Sicher. Keimfrei. Nicht ansteckend.

Aber wenn wir weiter körperlich auf Abstand gehen müssen, wie zeigen wir dann Wertschätzung und Zugewandtheit? Wie arbeiten wir an unserer Wahrnehmung und Wirkung. Wie empfangen und senden wir Wärme? Wie spüren wir den anderen/die andere?

Für Herzlichkeit muss das Herz dabei sein. Im echten Leben, wie im digitalen

Auch im echten Leben kann eine Umarmung bloße Fassade sein. Wenn sie nämlich nicht vom Herzen kommt, sondern eine bloße Handlung darstellt.  Sehr kurz gehalten z.B., ohne wirklichen Moment des Wahrnehmen, kann sie wie eine Maske wirken, erzwungen. Und dann eben auch absolut überflüssig.

Haben wir die Berührung nicht, die körperliche Nähe, die gemeinsame Luft zum Atmen, den gemeinsamen Kaffee zum Trinken müssen wir alle anderen Kanäle für unsere Wahrnehmung sensibilisieren. Das Herz, das Hinhören, das Sehen, das Sprechen, Agieren und Reagieren. Wir müssen kreativ werden im Umgang mit anderen. Und Lachen ist nach wie vor die kürzestes Verbindung zwischen zwei Menschen.

Kreativ werden im Umgang mit anderen

Anfang April ging ich mit einer Freundin im Wald spazieren: 2 Meter Abstand, beide mit Mundschutz, streng nach Vorschrift. Unnormal – natürlich.

Im nebeneinander Hergehen, nach vorne schauend, erzählte meine Freundin mir von ihrer strapazierten privaten Beziehung, die unter dem, was gerade die Umgangsregeln sind, leidet. Und plötzlich fing liefen ihr die Tränen herunter.
In diesem Moment wollte ich nichts lieber, als sie in den Arm nehmen und sie fest drücken. Ihr zeigen: Ich bin bei Dir. Während sie weinend stehenblieb, streckte ich meine Hand in ihre Richtung aus, sagte ihr, sie solle sich vorstellen, ich umarmte sie jetzt. Und sie umarmte sich selbst, und schaute mich dabei an.

Ein besonderer Moment. Für mich. Und er hatte es Qualität von echter Nähe. Bis heute halten wir dieses Ritual hoch: Sich selbst umarmen und dabei anschauen und innehalten. Das Verhalten ändert sich. Die Nähe bleibt.

Ein besonderer Moment. Persönlich. Nah

Im professionellen Coaching, 1:1, digital, mit meinen Klienten sitze ich einer anderen Person meist 2 Stunden gegenüber.  Wir sprechen und sehen uns in Echtzeit, agieren und reagieren aufeinander. Wir sehen und hören uns. Wir denken zusammen. Es gibt Momente des Schweigens, des Nachdenkens, des Wortesuchens. Gefühlt ist die Entfernung am Computer: 1,5 Meter, ca. Wir zeigen uns, als seien wir uns tatsächlich gegenüber. Nein, wir sind es: Uns gegenüber. Beieinander.

Wie im echten Leben

„Es fühlt sich an wie in echt“ bestätigte mir ein Klient, mit dem ich sonst nur im persönlichen Setting arbeitete. Eine Vertrautheit ist da, die Zugewandtheit auch. Diese Haltung wird über den Bildschirm vermittelt, das ist meine Wahrnehmung. Und die meiner Klienten. Auch wenn wir nur einen kleinen Ausschnitt der anderen Person sehen. Das Setting ändert sich. Die Nähe bleibt.

Lange war für mich die Qualität von Nähe, das physische Zusammensein im Coaching und Training unabdingbar und nicht verhandelbar. Auch ich habe dazugelernt: Die neuen technischen Möglichkeiten kommen verdammt nah ran an echte Nähe.

Zeigt Euch, wie Ihr gesehen werden wollt

Zumindest, sofern wir uns – wie im echten Leben – bewusst so zeigen, als wären wir zusammen mit Menschen, die uns wahrnehmen sollen. Jede/r Einzelne trägt bei zum lebendigen, interaktiven Meeting und Training. Sich zu zeigen und damit die bestmögliche Qualität von Nähe zu gestalten – auch per Video – können wir ganz bewusst herstellen.

Und es gibt noch mehr Argumente für’s Video:

Drei Vorteile von Video – Formaten

  1. Keine Steingesichter mehr. Sich die eigene Mimik bewusst machen hilft, wie früher auch. Und jetzt haben wir dafür auch noch unseren Spiegel direkt vor uns: im Screen.
  2. Mehr Bewegung: Es schadet nicht, die Hände und die Arme zu benutzen, zu lächeln, wenn es etwas zu lächeln gibt oder körperliche Übungen einzubauen. Die Übungen machen den Kopf frei und bringen Sauerstoff ins Hirn. Die TeilnehmerInnen sind eher bereit, aktiv zu werden, sich zu bewegen, Neues auszuprobieren. 8 Stunden pro Tag zu sitzen, ist nicht nur für mich eine Qual. Video-Meetings können so interessanter werden als manches Präsenz-Event vor Corona.
  3. Mehr Zeit beim Sprechen: Die Audio-Spur ist gnadenlos: Reden zwei Personen auf einmal, bricht irgendwo etwas ab. Endlich wird es fast jedem klar, dass ‚Den-anderen-Ausreden-lassen‘ zu besseren Gesprächen und damit auch zu besseren Ergebnissen führt. Und wer meint, seine Cleverness durch schnelles Sprechtempo zu unterstützen wird schmerzlich erfahren: die Silben werden vom System verschluckt und er/sie wird akustisch einfach nicht gehört. In einem entspannten Sprechtempo zu reden, verhilft  – wie im echten Leben – zu mehr Kontakt und Verständnis.

Ein Video-Meeting ist das Beste, das heute sicher möglich ist

Meine Zusammenarbeit mit Menschen in Gruppen-Formaten per Video kann und soll heute Spaß machen. Wie lebendig das ausschaut, kann man im Video, ganz oben in diesem Beitrag, gut sehen.

Ich gehöre nun nicht mehr zu denen die sagen:“ach, das geht nur im Präsenz-Setting“. Tatsächlich sehe ich in meinen Coachings und -Trainings, die per Video erlebt werden, viele Vorteile.
Der überraschendste: die eher introvertierten Menschen kommen eher aus sich heraus, kommen leichter in die Selbstreflektion und erzählen, weil sie sich geschützter fühlen mit dem Computer zwischen uns, auf dem eigenen Stuhl im Home-Office.

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In die Augen des anderen lachen, geht nicht. Mit dem anderen, schon

Der grüne Kamera-Punkt im Computer ist immer ein paar Zentimeter weg von dem Gesicht des anderen, auf das ich im Screen schaue. Ja, somit schauen wir uns nicht direkt in die Augen, sondern gefühlt ein paar Zentimeter daneben. auch sehe ich meistens nur seinen/ihren Oberkörper mit dem Kopf, den Hintergrund des Zimmers. Damit kann ich ihn nicht 100% „lesen“. Viel mehr als nur akustisch verstehen und visuell wahrnehmen kann ich trotzdem.

Manchmal ist die Perspektive mehr von unten, manchmal mehr von oben. Je nachdem, wie der Computer aufgestellt ist. Nicht immer setzen sich Menschen ins gute Licht. Manchmal gleicht das Bild mehr einem Scherenschnitt vor weißer Bürowand. Manchmal scheint der Kopf mit dem Kinn unten am Bildschirm festzuhängen. Manche reden nach rechts und links. Und es wirkt, als ob sie mehr für sich reden als mit mir als das Gegenüber.

Manche schauen mir auf ihrem Zweitcomputer auf’s Gesicht. Für mich wirkt es dann wie 45-Grad abgewendet. Nicht so richtig gut. Der gefühlt gute Kontakt ist so nur schwer möglich. Deshalb muss das, was vorher der schnelle Blick in den Spiegel auf der Bürotoilette war, heute der kritische Blick auf den Monitor sein. Die simple Frage „Wie siehst Du mich hier ?“ ist eine guter Weg, Selbst- und Fremdwahrnehmung miteinander abzugleichen.

Im Coaching mit meinen Klienten – meistens Führungskräfte im Home-Office – ist dieser Tage nicht selten das privat gemütliche Wohnszenario im Hintergrund, das brabbelnde Kleinkind zu hören oder die Wäschespinne sichtbar. Oder der Lebenspartner, der/die gerade kocht und sich völlig unbeobachtet wähnt. Schöne, wenn es etwas zum Schmunzeln gibt. Wie schön und förderlich, wenn es „menschelt“.

Eine Kollegin erzählte mir, ihr Klient entschied nach 8 Stunden auf dem Home-Office-Stuhl (einem Küchenstuhl) sich für’s Coaching spontan lang auf sein Bett zu legen und von dort aus das Coaching weiter zu führen. „Shocking!“ Aber neue Zeiten erfordern neues Verhalten. Absolut unmöglich wäre früher ein solches Setting gewesen. Ja. Früher.

Auch denke ich gern an den wunderbaren Spot, in dem der Mann im Hemd und Business Jackett vom Computer-Meeting aufspringt, um seinem kleinen Sohn hinterher zu laufen…bevor er realisiert, dass er untenrum nur die lange Unterhose anhat. Herrlich. Witzig. Die neue Distanz kann auf absurd komische Weise sehr privat sein.

Es fehlt der Handschlag, die Berührung, das Küsschen links und rechts

Das persönliche Gespräch/die physische Nähe ist durch nichts zu ersetzen. Das war vorher so. Und das bleibt. Vor allem bei emotionalen, konfliktbeladenen oder vertraulichen Gesprächen.

Wir, im selben Raum, wir atmen die gleiche Luft, nehmen den gleichen Geruch war, fühlen die gleiche Temperatur, schmecken den gleichen Kaffee. Nehmen viel mehr Körpersignale auf – vor allem unbewusst – und können die gesendeten Informationen für das bessere Verstehen der gesamten Gesprächssituation nutzen. Jetzt heißt es: „Treten Sie diesem Meeting bei.“

Schluss mit der Anfasserei.
Back to business. Was zählt ist die Sachebene. Oder nicht?

„Beziehungs- vor Sachebene“ gilt auch im Online-Meeting

Auch ich hatte früher eine ausgesprochene Aversion gegen alle digitalen Treffen. Ich erinnere mich an Meetings, bei denen die Menschen im Halbschatten, mit Audio-Aussetzern, auf den Stühlen mehr hängend als sitzend, mental offensichtlich abwesend schweigend darauf warteten, endlich von der Bildfläche zu verschwinden.

Oder zumindest so wirkten. Manche sehen so aus, als fühlten sie sich völlig unbeobachtet. Angestrengt ausgedrücktes Desinteresse. Checken von was auch immer. Haare kämmen im Spiegel des eigenen Videobildes? Auch schön…

In echten Meetings würde so etwas weniger passieren. Ist doch so, oder?

Wertschätzung ausdrücken, digital

Es ist schön, wahrzunehmen, dass es der andere ein frisches Hemd anhat (auch wenn wir es nicht riechen können.) Sich zurecht zu machen für den anderen, zu zeigen, „ich habe mich gut und mit Bedacht vorbereitet“, das ist im digitalen nicht anders als im echten Leben: Angenehm.

Wir zeigen Wertschätzung damit, wie wir uns kleiden, wie freundlich wir dreinschauen, mit welcher Stimmlage und Sprechgeschwindigkeit wir das Gespräch führen. Auch mit der simplen Nachfrage, ob der andere uns überhaupt verstanden hat. Es geht auch im Digitalen nicht nur darum, bloße Sachinformationen zu senden. „Beziehungs – vor Sachebene“ gilt auch vor dem Computer.

Die Formate ändern sich. Die Nähe bleibt.

Haben Sie Fragen zu meinen digitalen Trainings und Coachings?
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