„Ich liebe mich“

Das Gefühl von Selbstwert und Selbstliebe. Gedanken zum Thema (TEIL 2)

Liebevoll zugewandt sein und großzügig mit Fehlern umgehen: das können viele Menschen sehr gut. Vor allem bei anderen.

Unsere besten Freunde können sich Fehler erlauben. Wir nicht

Wir gehen meist sehr großzügig mit Fehlern und Unzulänglichkeiten um bei Menschen, die wir wirklich mögen: Beim guten Freund oder der guten Freundin fällt es oft viel leichter, Schwächen anzunehmen, Macken zu tolerieren. D.h., wir können Verhaltensweisen gut akzeptieren. Auch die, die nicht so toll sind. Wir lieben diese Menschen trotzdem. Oder gerade deshalb. Sie bleiben unsere guten Freund*innen über Jahre, Jahrzehnte, ein ganzes Leben.

Gleiches gilt für Komplimente und Zuspruch.

Warum ist es leichter, anderen Menschen Gutes zu sagen? Es ist leichter, andere reflexartig mit Worten und Zuneigung zu stärken, wenn diese an sich zweifeln und mit sich hadern.
Aber warum ist es leichter, anderen zu sagen: „Du bist toll. Sei stolz auf dich, auf Deine Haltung und Dein Tun. Schau, wer Du heute bist, wieviel Liebe Du schenkst. Und geschenkt bekommst. Du bist so, wie niemand sonst. Ich mag Dich. Ich liebe dich!“

Ich würde nie sagen: „Ich liebe mich“

„Ich liebe mich“. Vielleicht verschluckst Du Dich bei diesem Satz. Allein bei der Vorstellung, Du sagst zu Dir selbst: „Ich liebe mich

Vielleicht denkst Du: Das kann man doch nicht sagen! Das ja schon fast narzisstisch/ größenwahnsinnig / unsympathisch. Der innere Kritiker meldet sich, ruft laut: „Lass‘ das! Das sagt man nicht. Peinlich!“

Warum eigentlich nicht?

Selbstliebe heißt, seinen individuellen, eigenen Kern zu kennen, seine wahren Bedürfnisse überhaupt zu spüren. Gerade dann, wenn es stressig wird. Selbstliebe heipt, mit sich selbst in Verbindung zu treten, sich interessiert und zugewandt zu betrachten. Und dann zu suchen nach Antworten auf die Fragen: Was treibt mich im Inneren wirklich an? Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Welche Wünsche habe ich an mein Leben. Was ist heute wirklich wichtig für mich?

Erst wenn ich als Mensch weiß, wie ich im Inneren ticke, was mich antreibt, mich triggert, wenn ich meine wunden und nervigen Punkte an mir selbst annehmen kann – großzügig und liebevoll zugewandt –  dann kann ich auch diese Seiten an mir annehmen. Besser: Ich kann zugewandt mit mir selbst in Kontakt kommen. Ohne mich – vielleicht aus anerzogener Bescheidenheit – reflexartig klein zu kritisieren. Ich kann mich sehen. Mit allem, was ich bin: Der ganze Mensch. Und nicht nur die Hälfte von mir, die nach außen hin toll aussieht, und für die ich vom Außen gelobt werde.

Selbstliebe ist kein Kinderspiel

  • Warum fällt es vielen von uns so schwer, sich selbst zu akzeptieren, sich selbst zu lieben?
    Meiner Einschätzung nach sind erfolgreiche Menschen, die viel über sich und ‚Ich-in-der-Welt‘ nachdenken, ihre größten Selbst-Kritiker*innen. Manche meiner Coaching-Klient*innen sind so streng zu sich selbst, wie sie niemals zu anderen wären. D.h., sie haben eine absurd hohe Erwartungshaltung an sich. Oder sie erlauben sich einfach keine Fehler. Sie wollen sie sich nicht erlauben.
    Ich kenne das auch von mir selbst: Mache ich Fehler – im privaten oder beruflichen Leben – dann gehe ich hart mit mir ins Gericht.
  • Einen Text nicht einwand- und fehlerfrei veröffentlicht? (So wie diesen hier!?)
  • Einen Termin vergessen?
  • Ein Versprechen zu spät eingelöst?
  • Keine klaren Grenzen gesetzt?

Huh, dann holt meine innere Kritikerin schon Luft.
Wie wäre es, wenn wir mit uns selbst umgehen würden, wie mit unserer besten Freundin oder unserem besten Freund?

Glaub‘ nicht alles, was Du denkst

Der Grund für diese überkritische Sicht auf uns selbst sind u.a. starke innere Glaubenssätze. Sie schwächen die Selbstakzeptanz und das Selbstwertgefühl. Sie blocken diese Ressourcen einfach ab, so dass wir in stressigen Momenten keinen Zugriff darauf haben. Dabei haben wir diese betonharten Glaubenssätze irgendwann einmal von anderen übernommen: In der Kindheit, in der Jugend, von Vorbildern. In einer Zeit, in der wir ‚role models‘ brauchten und als wir noch nicht die Person waren, die wir heute sind. Glaubenssätze sind oft buchstäblich von gestern, z.B.:

  • Ich bin nicht gut genug
  • Ich bin noch nicht gut genug
  • Erst die Arbeit und dann das Vergnügen
  • Ich muss viel Geld verdienen, Karriere machen, um glücklich zu sein
  • Arbeit muss anstrengend sein, damit sie ‚was taugt
  • Um geliebt zu werden muss ich lustig / gutaussehend / stark sein
  • Ich muss mich um alle anderen kümmern, um gesehen zu werden
  • Ohne ‚guten‘ Job habe ich keinen Wert

Glaubenssätze stammen meist von gestern

Vielleicht kennst Du einen oder gar mehrere dieser Glaubenssätze? Vielleicht hast Du ganz andere. Sie sind bei jedem Menschen individuell, so wie der eigene innere Antrieb.

Ich erlebe das oft in meiner Arbeit mit denen, die persönlich mit sich weiterkommen wollen: Viele meiner Klienten definieren sich und ihren Wert über ihre Arbeit. Doch eine gute oder sehr gut bezahlte Position macht nicht unbedingt glücklicher. Sie stärkt auch nicht unbedingt die Selbstliebe. („Ja, aber ich bin noch nicht gut genug“.)

Stell Dir vor, Du erreichst dein Ziel, Du hast den Karrierestatus, den Du immer wolltest, das Haus abbezahlt, die Position, von der Du dachtest: ‚Wenn ich dort bin, dann habe ich es geschafft, wirklich geschafft. Ich bin erst dann glücklich und kann mich zurücklehnen. Erst dann…‘

Und dann merkst Du, dass Du Dich eben nicht glücklicher fühlst. Oder dass das Glücksgefühl nicht anhält. Dass es darum vielleicht gar nicht ging. Und dann stellst Du Dir die Frage: Und was jetzt?

Warum ketten wir unsere Persönlichkeit so an den Beruf?

Warum definieren wir unseren Wert als Mensch über das, was wir beruflich tun? Ob Unternehmer*in, Künstler*in, Angestellte*r: Sicher, wir verbringen den Großteil unseres Tages mit der Arbeit. Aber das definiert uns nicht als Mensch.

Wir sind nicht nur unser Job. Unsere Persönlichkeit umfasst so viel mehr.

Ich habe vor Kurzem einen spannenden Artikel von Lina Pospichal gelesen, in dem es genau darum ging. Er beginnt wie folgt: „Und was machst du?“ ist die erste Frage, die mir gestellt wird, wenn ich jemanden kennenlerne. Die Antwort: Mein Beruf.“

Vielleicht ist Dir das auch schon passiert:

Du präsentierst Dich Unbekannten gegenüber als erstes mit der Tätigkeit, die Du ausübst? Aber: Du bist nicht CMO, Lehrer*in, Head of Sales, Senior Associate Consultant oder Maler, sondern Du arbeitest als eine/r.
Der Autorin stimme ich voll zu, dass wir das oftmals unbewusst tun. Dieses Verhalten wird uns erst bewusst, wenn wir aus irgendeinem Grund keinen Job mehr haben oder uns mit dem aktuellen Job nicht präsentieren möchten, weil er vielleicht in unseren Augen oder den Augen der Gesellschaft nicht angesehen genug ist.

Ich bin schon geliebt“ 

Kennst Du die Geschichte von Samuel Koch?
In einem berührenden Video-Interview (Klick führt zu www. LinkedIn.de)
mit dem Regisseur Kristian Gründling spricht er über sich.

Samuel Koch war früher Turner, Sportler, Athlet und hat sich und seinen Wert nach eigenen Aussagen immer darüber definiert.

Mit seinem Unfall bei ‚Wetten, dass…?‘ vor vielen Jahren hat sich für ihn in Sekunden sein ganzes Leben verändert. Seine Selbstdefinition, den Wert, den er in sich gesehen hat – auf einen Schlag weg. Was tut der Mensch in so einer Situation?

Was macht man, wenn einem alles, was einen vermeintlich ausgemacht hat, wegbricht?

Samuel Koch hat sich selbst hinterfragt und es geschafft, zu erkennen: „Ich bin schon wer, ich bin schon geliebt und dadurch habe ich was, einen Wert und aus dem heraus kann ich etwas tun. – und nicht umgekehrt!“

Das hat mich sehr berührt.
Zu fühlen, zu wissen, dass Du bereits geliebt bist, kann alles verändern. Die dadurch entstehenden Prozesse sind tiefgehend. Die Erkenntnis „Ich bin schon geliebt!“ – das ist das, was trägt. Es trägt Dich durch harte Zeiten, durch Schicksalsschläge, durch Lebensphasen, die schwer sind. Grau. Oder dunkelgrau. Das kann mit 16 sein. Oder mit 60.

Menschen sind nicht auf der Welt, um perfekt und toll zu sein, sondern um zu lernen, zu wachsen, zu lieben.

Eine Erkenntnis, die viele gut brauchen können. Ein Gefühl, das erleichtert, großzügig macht und frei.

Selbstakzeptanz und Selbstliebe macht großzügig und frei

Wir haben alle einen Wert als Mensch, in unserer Einzigartigkeit. Wir sind nicht erst dann wertvoll, wenn uns das andere immer wieder bestätigen.

Ich hoffe, dass immer mehr Menschen dies erkennen und annehmen können, ohne dass dem ein schwerer Schicksalsschlag vorausgehen muss: Ein Zusammenbruch, ein Absturz, eine Trennung, ein Verlust, der plötzlich alles in Frage stellt und der zur Veränderung zwingt.

Doch wie anfangen? Versuche es mit dem Vorschlag von Lina Pospichal:

„Vielleicht beantwortest du ja das nächste ‚Was machst du?‘ mit etwas, das du liebst“. Und mit dem, was Dich neben Deinem Beruf ausmacht und Kraft gibt.

Das kann auch schiefgehen, denkst Du? Ja, und es könnte auch gutgehen und sich ein wirklich interessantes Gespräch entwickeln.

Vielleicht findest Du es dann ja nicht mehr absurd: Dich zu hören, wie Du leise sagst: „Ich liebe mich“

Sag‘ es einmal. Versuch es jetzt

Hast Du ein Thema mit Deinem Selbstwert oder der Selbstliebe? Wie kann Dir bewusst werden, dass Du ’schon geliebt bist‘?

Wenn Du keine Antwort auf diese Frage findest, dann lass uns zusammen danach suchen. Schreibe mir oder rufe mich an.

Quellen:

Video Samuel Koch
(Klick führt zu www. LinkedIn.de)

Artikel Lina Pospichal:

Beitragsbilder:

  1. Ariya J/shutterstock.com (Schild)
  2. Eric Surprenant/shutterstock.com (Biber)
  3. Kunal Mehta/shutterstock.com (Schreibmaschine)

„Ich liebe mich nicht“

Selbstliebe und das Gefühl von Selbstwert. Gedanken zum Thema. (TEIL 1)

Mangelnde Selbstliebe – Ein Frauenproblem?

Das undeutliche Gefühl, nicht gut genug zu sein oder noch nicht gut genug. Der überkritische Blick auf sich selbst. Kennst Du das? Den Eindruck, nicht dazu zu gehören, nicht so wertvoll zu sein wie andere, der Dinge nicht würdig?

“Ich habe das gar nicht verdient“ sagen nicht selten gerade erfolgreiche Menschen. Sie kennen dieses Gefühl von Minderwertigkeit, gerade weil oder trotzdem sie in der Bewertung anderer doch ganz offensichtlich schon so viel geschafft haben.

Erfolgreich sind die, die es „geschafft haben“. Aber was heißt das eigentlich? Und für wen?

Nehmen wir einen, der – Anfang 30 – die nächste Karriere-Chance nach langem Abwägen ablehnt, und stattdessen sich am Start-Tag der neuen Abteilung in den monatelangen Erziehungsurlaub verabschiedet. „Absolut falsche Entscheidung!“ sagen die einen. Als „Lebensklug und souverän“ bewerten es die anderen.

Unabhängig von den Meinungen anderer: Sollte nicht wenigstens die eigene Bewertung unseres Handelns und Seins, unserer Bedürfnisse grundsätzlich großzügig und liebevoll ausfallen? Z.B.:

„Meine Entscheidung war in dem Moment die richtige.“

Aus meiner Erfahrung als Coach kann ich sagen, dass mangelnde Selbstliebe und Selbstwert nicht selten die Gefühlswelt besonders von selbstreflektierten Menschen zu bewegen scheinen. Gleich welchen Geschlechts.
Gleichzeitig kann dieses abstrakte Minus-Gefühl „nicht zu reichen“ starker Antreiber sein und Grund für außergewöhnliche Performance und selbstlosen Einsatz ohne Grenzen: Für die Arbeit, die Kinder, die alten Eltern, das Ehrenamt u.v.m.

Es gilt in allen Fällen, für die andere Seite alles zu geben: Energie, Ideen, Wissen, Zuwendung, Zeit. Alles! Und für sich selbst? Es scheint mir viele beruflich erfolgreiche Menschen, tragen das Mantra aktiv vor sich her, keine Zeit zu haben. Und zwar reflexartig in dem Moment, in dem es um die eigenen persönlichen Bedürfnisse geht.

Zeit für mich? Keine Zeit.

Auffallend bei den Suchergebnissen bei der Recherche zum Thema Selbstliebe: Die Mehrzahl der Artikel (on- und offline) sind meist von Frauen für Frauen geschrieben. Frauen also, die anscheinend die Selbstliebe gefunden haben und dieses Wissen nun teilen möchten. „Selbstliebe lernen: 6 Tipps für den Alltag“ oder so ähnlich lauten viele Überschriften.

Und wenn die Artikel nicht explizit für Frauen geschrieben sind, dann suggerieren zumindest die verwendeten Bilder, dass Frauen gemeint sind – glücklich, strahlend, sich umarmend.

Kein 10-Punkte-Plan für mehr Selbstwert

Dass es bei Selbstliebe und dem Gefühl von Selbstwert nicht mehr länger darum geht, sich ausreichend Zeit für Yoga, Schaumbäder oder ein Glas Wein mit der Freundin zu nehmen, ist wohl den meisten bekannt (auch wenn das immer noch sehr oft unter den Top 10-Tipps für mehr Selbstliebe und Selbstverwirklichung genannt wird).

Denn selbst wenn alle Frauen anfangen würden, Yoga zu praktizieren, Wein zu trinken und Schaumbäder zu nehmen, um das Gefühl zu haben, etwas für ihre Bedürfnisse und ihre Selbstliebe zu tun – stärkt das denn das Gefühl, „es wert zu sein“?  Führt das zu mehr Selbstliebe? Komme ich mir dann näher?

Nicht jede Frau mag Wein oder Yoga. Das ist auch gut so. Manche tun es aber trotzdem: Sie tun das, was gut für sie sein SOLL:

„Ich MUSS jetzt etwas für mich tun“ sagte einmal eine Freundin von mir. Sie buchte sich – fast trotzig – ein teures und langes Wellnesshotel-Wochenende. Dort erkannte sie, dass zwar andere sie zu ihrer Aktion beglückwünschten, sie selbst sich und die Umgebung aber gar nicht recht geniessen konnte. Im Liegestuhl auf einen Pool zu gucken war einfach nicht ihre Sache. Darüber hinaus übte sie sich in weiterer Selbstkritik, das ganze Geld ausgegeben und ihre Zeit nicht „anständig genutzt“ zu haben. (Sie hatte nicht sämtliche Wellness-Angebote wahrgenommen.) Sie konnte die Zeit mit sich allein nicht gut aushalten. Es war ihr einfach nicht genug, nur mit sich zu sein. Es war ihr die Zeit nicht wert, Zeit zu haben und zu sein. 

Ist es die Zeit nicht wert, einfach nur Zeit zu haben?

Bei erfolgreichen Männern erfahre ich in meiner Arbeit häufig den übertrieben selbstkritischen Vergleich mit anderen. Diese Art des aktiven „Verzwergens“ erscheint mir hart und ungerecht. Wie eine Selbststrafe wirkt es, den eigenen Erfolg, den Ruhm, den Lohn „nicht verdient zu haben“. Nicht wenige fühlen sich gar in manchen Momenten als Hochstapler. Es ist, als ob sie sich ungläubig von außen betrachteten. Und dieses ist nicht nur ein männliches Phänomen. *

*(Impostor-Phenomenom nennt die Psychologie dieses Gefühl. Zu deutsch: Hochstapler-Syndrom.

Psychologische Studien aus den 1980er Jahren schätzen, dass zwei von fünf erfolgreichen Menschen sich selbst als Hochstapler einstufen.

Das Hochstapler-Syndrom wurde ursprünglich als ein Phänomen unter erfolgreichen Frauen angesehen. Eine Reihe von Studien belegt jedoch, dass Männer und Frauen in etwa gleicher Zahl betroffen sind. Erfreulicherweise gilt es weder als psychische Störung noch wird es als eigentlicher Persönlichkeitszug angesehen.) (Quelle Wikipedia))

Meiner Meinung nach jedoch verlieren Menschen durch übertriebenen Aktionismus und Vergleiche mit anderen noch mehr den liebevollen Kontakt zu sich selbst; die Fähigkeit, sich zu mögen, sich selbst genug zu sein, sich grundsätzlich richtig und gut und auch richtig gut zu finden.

Warum nicht sehr gut befreundet sein mit sich selbst? D.h. sich mit sich selbst genug und lebendig zu fühlen. Sich zu lieben, den eigenen inneren Kern grundsätzlich positiv und bedingungslos anzunehmen.

Vielleicht schüttelst Du bei diesen Worten ungläubig den Kopf. Oder sagst Du: „Ja, das tue ich“?

Der grundsätzlich liebevolle Kontakt zu dem unperfekten Selbst: positiv und bedingungslos

Auch dann, wenn Du vielleicht letzte Woche etwas nicht hinbekommen hast, jemand anderen aus Versehen vor den Kopf gestoßen, eine Deadline übersehen oder den nächsten Karrieresprung nicht geschafft hast. Haderst und zweifelst Du endlos mit Dir und Deiner Entscheidung oder sagst du „Abhaken und weiter“? Und raten wir nicht genau das unseren liebsten Freund*innen, die sich genau mit diesen überkritischen Gedanken martern?

Warum gehen wir mit Freunden eigentlich oft viel großzügiger um als mit uns selbst? (Dazu gibt es mehr in Teil 2 zum Thema Selbstliebe.)

Wir alle haben unsere ureigenen Bedürfnisse. Wir sollten erforschen, welche es sind. Es sind die, die nur aus uns heraus entstehen und entdeckt werden können. Nicht aus gut gemeinten Ratschlägen. Und nicht aus einer Frauenzeitschrift.

Eine grundsätzliche, regelmässige, verlässliche Aufmerksamkeit auf momentane Gefühle und Körperempfindungen, ein In-sich-schauen in Momenten der Unruhe und Unzufriedenheit, könnte ein Weg sein. Und noch mal: Ja, Veränderungen brauchen Zeit. Viel Zeit. Über eine lange Zeit…

Mögliche Auswirkungen von „richtig sein und passen wollen“ und dem Gefühl, noch nicht genug dazu zu gehören, beschreibt auch ein sehr guter Artikel von Nico Rose. Roses Meinung nach haben sich viele Männer in Manager-Positionen eine gewisse Persönlichkeit ‚antrainiert‘.

So beschreibt er in seinem Artikel:

„Für einen Thomas-Manager ist es vollkommen ok, akzeptiert bzw. erwünscht, wenn er:

  • in die Oper geht;
  • Golf spielt, aber zusätzlich Marathon betreibt;
  • sich mit moderner Kunst auskennt;
  • höchst eloquent über den Tannin-Gehalt von französischem Rotwein schwadronieren kann;
  • und im Sommer in den Alpen wandern geht (das Handy bleibt dann auch aus – versprochen).“

Vielleicht ist das etwas überspitzt, aber es zeigt trotzdem den Kern des Problems: Sich selbst in einer Art Reportage zu erleben, sich eine neue Authentizität anzutrainieren oder mit viel Energie nur bestimmte Seiten von sich selbst zu zeigen. Eine Rolle zu spielen im negativen Sinne, führt auf lange Sicht zu dem Gefühl, sich selber von außen zu beobachten.

„Es ist die Erkenntnis um die eigene innere Leere, um den Mangel eines authentischen Innenlebens (welches letztlich erst echten Kontakt mit anderen ermöglicht), welche ihn schließlich den Verstand verlieren lässt.“, sagt Nico Rose.

Nur wenige haben dann noch den Mut zu innerer Diversität. Warum? Weil die Suche nach seinen wahren, inneren Bedürfnissen keine einfache ist.

Mut zur inneren Diversität

Aber darum geht es bei Selbstliebe und dem Gefühl von Selbstwert – nicht etwa seine eigens gebastelte Reportage fortzuschreiben („ich war schon immer so“), sondern seinen individuellen, eigenen Kern neu zu entdecken. Der ist mit 20 Jahren anders als mit 30. Mit 40 Jahren anders als mit 50 Jahren, usw. Die wahren Bedürfnisse überhaupt erst wieder zu fühlen und zu spüren, bedeutet das Befassen mit sich selbst. Als lebenslanger Prozess. Und die Entscheidung, sich Zeit genau dafür zu nehmen. Grundsätzlich. Als Haltung zur begrenzten Lebenszeit. Antworten auf die Fragen zu finden: Was treibt mich im Innern wirklich an? Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Welches Leben möchte ICH führen?

Zugegeben, für die Antworten auf diese Fragen bedarf es weit mehr Arbeit und Zeit als ein wasserdichter 10-Punkte-Plan uns glauben machen will. Wäre ja auch irgendwie merkwürdig, wenn sich doch alles einfach mit Yoga, Schaumbädern und einer Runde Golf lösen lassen würde, oder?

Sich selbst nicht zu lieben ist kein weibliches Dilemma, sondern ein menschliches. Was meinst du dazu?

Mein Impuls für Dich: Die eigenen Gedanken aufzuschreiben, ist eine weitere Möglichkeit, sich liebevoll näher zu kommen.

Nimm Kontakt mit mir auf, wenn Du das Thema im professionellen Coaching gemeinsam mit mir anschauen möchtest.

Photo by Chela B. on Unsplash

 

Mein Mut-Macher-Podcast: über 1000 Downloads

Im Okt. 2020 startete ich mit meinem Krisen-Mut-Macher-Podcast mit der 1. Folge:  „Konto voll, Seele leer“ (18 Min.). Der Podcast-Name Werde klarer* ist Programm: Ich erzähle vom Umgang mit Krisen. Nicht nur mit Corona. Auch andere existentielle, psychische, körperliche Krisen, der Verlust von Menschen, Arbeit, Ideen, Geld und: Selbst-Gewissheiten. Es gibt hier keinen goldenen 10-Punkte-Plan. Aber vielleicht mehr Klarheit in harten Zeiten. Diese Klarheit hat mir selbst geholfen in meinen schweren Zeiten. Mit meinem Podcast möchte ich andere unterstützen, ihre Klarheit zu finden.

Krisen gehören zum Leben. Genauso wie die guten Zeiten. Und ja, der Satz ‚in jeder Krise steckt eine Chance‘ klingt in ganz schwierigen Zeiten lahm und abgedroschen. Verständlich. Aber wenn wir schon das Schicksal nicht ändern können, können wir doch unsere Sicht darauf verändern. Es schaffen, die Krise einzuordnen.
Es schaffen, anzunehmen, was ist.

Was passiert, wenn das Gefühl von Sicherheit, Selbstwirksamkeit und Kontrolle verloren geht?

Aber was passiert mit dem Menschen, wenn er feststellt, dass er das, was jetzt ist, nicht mehr „managen“ kann? Und stattdessen enttäuscht stecken bleibt in dem, was war?

Ich erzähle in Konto voll, Seele leer, welche konkreten Fragen in diesem Moment Erleichterung und neue Sichtweisen bringen könnten: Fragen, die uns unsere Einstellung zum Leben, unsere Erwartungshaltung an uns selbst und andere bewusst machen und unser Selbst-Bild reflektieren…

Seit Okt 2020 sind 3 weitere Dialog-Folgen dazugekommen. Und natürlich noch weitere geplant!
Insgesamt kommt mein Podcast – jetzt gute 3 Monate später – auf über insgesamt 1000 Downloads! 

 

 

Herzlichen Dank an diejenigen, die hinhören, reinhören, durchhören und vor allem an diejenigen, die meinen Podcast Werde klarer* mit zum Leben erweckt haben:

An meine Gäste, die sehr persönlich erzählen, wie sie ihre Krisen überwanden:

Alice Mari Westphal, Berlin, für Dialog-Folge Alice (26 min)
Markus Gahlen, Köln, für Dialog-FolgeMarkus (39 min)
Sarah Rüdel, für Dialog-Folge Sarah (44 min)

Alice Mari Westphal: Power, Freude und Nähe. Trotz allem.
Markus Gahlen. Künstler. Musiker. Zuversichtlich.
Sarah Rüdel, sturmerprobte Überlebenskämpferin aus Hamburg. Eine Frohnatur, Optimistin und für mich ein ‚role model‘

An meine Unterstützer*innen:
Andreas Ersson für gute Stimmen + Stimmung in den Bunch Tonstudios, Berlin
Migo Fecke, RFGH, Köln, für den professionellen Audio-Sound auf der selbstproduzierten Folge
Stefanie Weese, Genua, Italien für die großartige, virtuelle Assistenz

Gleich nach dem Lockdown geht es weiter. Ganz sicher!

Dankbar und zuversichtlich
Mona Klare

Mona Klare im Tonstudio

Ohne Humor hätte ich es nicht geschafft: „Sarah“

Wo finden wir Halt in Zeiten von Ungewissheit und Ohnmacht?
Sarah entschied sich in der 18. Woche ihrer Schwangerschaft für 5 Monate Chemo-Therapie. Hätte sie es nicht getan, wäre es wahrscheinlich schon 4 Wochen später „zu spät gewesen“. Für das Kind. Und die Mutter.

Wie fand Sarah Klarheit für diese Entscheidung, Zuversicht und Kraft – trotz allem?

In Folge 4 meines Podcasts erzählt Sarah mir von Ärzten, denen sie ihr Vertrauen schenkte. Und die sie zuerst für Hebammen hielt. Sie erzählt von pinkfarbenen Schlappen und davon, wie sie sich mit ihrem Mann kurz aus der Klinik stahl, um „mal ‚was Richtiges zu essen“.

Eine mutige und beeindruckende junge Frau aus Hamburg erzählt von ihrer persönlichsten Krisen-Erfahrung: „Sarah“, Folge 4 meines Podcasts Werde klarer* , ab sofort zu hören, auch auf  Apple Podcasts, Spotify, etc.

Mit großer Offenheit und einer Fröhlichkeit, die mich staunen lässt, sagt sie: „Angst ist kein guter Berater“, und betont, dass das ‚Darüber-sprechen‘, Sich-nicht-verstecken ihr half. Wie sie stattdessen ganz offen über ihr Schicksal sprach, und über das, was sie in dieser harten Zeit von ihren Lieblingsmenschen brauchte.

Sarah, krisenerprobte Optimistin aus Hamburg
Foto: (c) privat, Sarah Rüdel

Man kann Schicksale nicht miteinander aufwiegen.“

Hör hier mal hin. 

Ich freue mich, wenn Du aus der Geschichte von Sarah auch für Dich etwas mitnehmen kannst. Mein Mut-Macher-Podcast Werde klarer* ist für Menschen, die trotz Krise wieder mutig nach vorne schauen wollen.

Podcast Werde klarer
Cover Podcast „Werde klarer“

 

 

 

 

 

 

Wenn auch Du mir Deine Geschichte auf meinem Podcast erzählen willst, dann nimm‘ Kontakt mit mir auf, hier oder unter mona(Replace this parenthesis with the @ sign)werdeklarer.de

Krisen verändern den Blick auf uns selbst: „Markus“

„Ich werde nicht auf der Straße landen“.  Als Profi-Musiker, dem dieses Jahr 50 Konzerte durch die Corona-Krise weggebrochen sind, ist Markus Gahlen nicht nur das berufliche Leben „um die Ohren geflogen„. Das Gleiche galt für das private Leben. Wie kann er da noch Zuversicht ausstrahlen?

Wie fühlt sich das an, wenn zwei starke Säulen im Leben – Beruf und Beziehung – unerwartet wegbrechen? Was gibt Kraft in in diesen harten Zeiten? Wenn es keinen Halt mehr zu geben scheint. Wenn selbst die Selbstgewissheit nicht mehr sicher ist?

Markus Gahlen, Musiker.
Foto: privat

Markus sagt dazu: „Anhaftung an Strukturen und Dinge ist ein sicherer Weg ins Unglück“. Denn er hat es geschafft: Markus hat losgelassen. Er hat nicht nur nach neuen Möglichkeiten gesucht. Er überdenkt sein Selbstbild und riskiert Schritte heraus aus der Welt der scheinbaren Sicherheiten.

Als Realist erkennt er die brutalen Fakten an. Aber sein Fokus liegt auf seiner unerschütterlichen Zuversicht. In Folge 3 meines Podcasts erzählt mir Markus, wie genau er das schafft. Hör hier mal hin:

Ich freue mich, wenn auch Du für Dich ganz persönlich etwas aus der Geschichte von Markus mitnehmen kannst. Mein Mut-Macher-Podcast Werde klarer* ist für Menschen, die trotz Krise wieder mutig nach vorne schauen wollen:

Podcast Werde klarer
Cover Podcast „Werde klarer“

 

 

 

 

 

 

Wenn auch Du mir Deine Geschichte auf meinem Podcast erzählen willst, dann nimm‘ Kontakt mit mir auf, hier oder unter
mona(Replace this parenthesis with the @ sign)werdeklarer.de

Krisen meistern: „Alice“

„Irgendwas in mir wollte leben“.

Eine beeindruckende, mutige Frau, die ich in meiner neuen Podcastfolge kennenlernen durfte: Alice Mari Westphal hat es geschafft. Sie ist heute voller Energie und Lebensmut. Das war nicht immer so: Schwere Krisen, die Erfahrung von Gewalt und Machtmissbrauch waren Teil ihres Lebens. Es war ein langer Weg und sie arbeitet immer noch an sich, um wie sie sagt „ganz zu werden“.

Alice hat ihre Krisen überwunden und sich neu und mutig ‚aufgestellt‘. Mit welcher Haltung und welcher Sicht auf sich selbst und die Welt sie das geschafft hat, das erzählt sie in der neuen Podcastfolge. Hör‘ hier mal hin:

Fotos von der Podcast-Produktion: Alice Marie Westphal und Mona Klare
Fotos (privat) von der Podcast-Produktion : Alice Marie Westphal und Mona Klare

Bühnenpräsenz und Perspektiv-Wechsel

Perspektiv-Wechsel, viel Freude und sogar auch ein wenig Aufregung brachte es mir, wieder einmal mit Mikro auf der Bühne zu stehen. Dieses Mal als Moderatorin der ‚Next Round Brandenburg‘, dem Pitching-Event der ILB und der WFBB.

Insgesamt 9 Start-ups gaben ihr Bestes in 3-Minuten-Pitches live vor wichtigen Vertreter*innen der Start-up Szene. War toll zu sehen, wie die Gründer*innen auf der Bühne live performed haben. Ist – na klar – ganz etwas anderes als digital zu pitchen. Alles lief natürlich zeitgemäß mit sehr viel Platz und Abstand auf und Maske vor der Bühne. Funktionierte bestens. Spannend!

Ich liebe meinen Job, und genau so liebe ich die Abwechslung davon: Als Improv-Spielerin bin ich immer neugierig auf Aufgaben, die von mir etwas ganz anderes abverlangen als mein daily business als Führungskräfte-Coach.

Danke für diesen Perspektiv-Wechsel.
Und herzlichen Glückwunsch noch einmal den 3 Gewinner-Start-Up’s!

'Next Round Brandenburg 2020'
Fotograf (auch für Blog-Artikel-Portrait): André Wagenzik, ILB, Investitionsbank des Landes Brandenburg, NEXT ROUND: BRANDENBURG.

Das gefährlichste Hobby der Welt

Verrückte Zeiten

Sommer 2020. Immer mehr Menschen lassen ihr Leben jetzt viel mehr draußen stattfinden. Um zu arbeiten, zu reden, Luft zu holen, zu laufen, die Füße ins Wasser zu halten, ein Glas Wein zu trinken nach der Arbeit auf dem Rasen am See…
Ich finde es herrlich: Work und Life, Joy, Walk und Talk. Alles draußen! An der Luft ist es aktuell sicherer, Corona-bedingt. Mit Abstand natürlich, nach wie vor.

Ich liebe es, im Sommer im Grünen zu sein. Am allerliebsten im Wald. Jetzt arbeite ich dort sogar mit meinen Klienten, die kennenlernen, wie großartig Bäume, Wandern, Hitze und ein unerwartet heftiger Regenguss ein Business-Coaching unterstützen können. Der Perspektiv-Wechsel ist zumindest garantiert bei meinem neuen Arbeitsplatz, inmitten von Bäumen und Seen.

Coaching outdoor
Zum schönsten Ziel führt manchmal der schwierigste Weg. Foto: Coaching Mona Klare

SINGEN? Um Himmels willen

Arbeiten im Wald ist eine von vielen Veränderungen für mich in diesem Jahr. Und was ist mit Singen? SINGEN? Um Himmels willen, nein! Trotz aller Lockerungen dieser Tage: Im Chor in der Gruppe singen ist aktuell immer noch nicht erlaubt. Kein Spaß. Wie schade. Selbst draußen mit Abstand nicht. Es gilt als ein Event: Es könnte Zuschauer anziehen. Wie schade, dass dieser Spaß so ansteckend ist. Und aktuell noch streng verboten. Das örtliche Gesundheitsamt kann eventuell auf Anfrage einer Chorprobe zustimmen. Muss es aber nicht. „Es kommt drauf an…“ Und so summe ich leise vor mich hin, vielleicht summt der andere ein bisschen mit. Es gibt am Ende immer einen Weg, eine Möglichkeit.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Der Chor „the happy disharmonists“ hat darüber ein wunderbares Video gedreht (streng nach den aktuellen Vorschriften natürlich.) Andere zum Lachen zu bringen, heißt nicht nur für mich einen Moment lang Glück spüren. Gemeinsam mit anderen. Das ist dann wie …singen.
So sieht das aus:

Hinweis: nur wenn Sie das Video abspielen, werden von Youtube Cookies gesetzt. Vorher nicht. Siehe Datenschutzerklärung.

Ob drinnen oder draußen: gemeinsam locker lassen macht glücklich und froh. Schönes Wochenende.

Was hat ‚draußen locker lassen‘ mit professionellem Business-Coaching zu tun? Mehr von meiner Arbeit hier:

#Humor #outdoor #work #walkandtalk #coaching

Beitragsbild: shutterstock_302328 Happy Girl

 

 

Die Qualität von Nähe – im Video-Setting

Viele Webinare sind heute wie abgefilmtes Theater: seeehhr langweilig. Es gibt keine Nähe, der Funke springt nicht über. Aber es geht auch besser: Entertainment, körperliche Bewegung, kreative Kleingruppenarbeit mit allen Sinnen und Humor gehören dazu – gerade auch im im Video-Setting. Nur so können wir in Webinaren wachbleiben (!), mit anderen Menschen motiviert zusammen lernen, in Kontakt kommen. Wir können zusammen atmen, essen, trinken, sogar zusammen tanzen. Funktioniert alles auch per Video!

Als Trainerin lasse ich mir mehr einfallen als nur mit meinem Plan digital zu gehen: Ich bringe mehr Leben in die Bude als vorher. Improvisation, die Lust, sich zu zeigen und eine neue Haltung gegenüber Video-Formaten ist nötig. Ist nicht jedermanns Sache? Kann es aber werden! Schauen Sie mal:

Hinweis: wenn Sie das Video abspielen, werden von Youtube Cookies gesetzt. Vorher nicht. Siehe Datenschutzerklärung.

Beitragen, die bestmögliche Qualität von Nähe zu gestalten – auch digital.

Auch per Video kann die Arbeit mit Gruppen intensiv und persönlich sein  – wenn die Technik professionell unterstützt: In dem obigen Video hatte ich eine Auto-bewegliche Kamera, die mich auf 3 verschiedene Positionen verfolgt und fokussiert hat. Die TeilnehmerInnen (TN) haben mehr für’s Auge. Ein Profi- Headset-Mic unterstützt entscheidend eine gute Ton-Qualität. Angenehm für alle TN. Wenn dann noch ein paar Grundregeln für die Kommunikation berücksichtigt werden und Kreativität ins Spiel kommt: Ja, dann kann es auch verdammt viel Spaß machen, das Lernen.

Eine Teilnehmerin gab ein schönes Feedback auf eines meiner diesjährigen Digital-Formate aus Mai 2020: Ein Training für Selbstführung und Kommunikation:

…vielen lieben Dank für den tollen Tag, ich gehe sehr glücklich aus dem Seminar.

Ich habe „leider“ nichts zu bemängeln an dem heutigen Tag, da es so viele tolle Aspekte gab, die ich von vorherigen Seminaren nicht kenne. Beispielsweise das gemeinsame Trinken. Eigentlich ist das total banal, aber man fühlt sich direkt viel verbundener mit der Gruppe. Auch die vielen Bewegungsübungen waren extrem hilfreich. Ich finde es schön, dass es in dem Coaching nicht primär um „Schneller, höher, weiter!“ geht, sondern eher darum, erstmal für sich selbst das Gute rauszufinden.“

Mit Abstand in den Arm nehmen. Geht das?

Es hilft nichts. Es wird wohl in nächster Zeit das Video-Training /-Seminar / -Meeting sein. Sicher. Keimfrei. Nicht ansteckend.

Aber wenn wir weiter körperlich auf Abstand gehen müssen, wie zeigen wir dann Wertschätzung und Zugewandtheit? Wie arbeiten wir an unserer Wahrnehmung und Wirkung. Wie empfangen und senden wir Wärme? Wie spüren wir den anderen/die andere?

Für Herzlichkeit muss das Herz dabei sein. Im echten Leben, wie im digitalen

Auch im echten Leben kann eine Umarmung bloße Fassade sein. Wenn sie nämlich nicht vom Herzen kommt, sondern eine bloße Handlung darstellt.  Sehr kurz gehalten z.B., ohne wirklichen Moment des Wahrnehmen, kann sie wie eine Maske wirken, erzwungen. Und dann eben auch absolut überflüssig.

Haben wir die Berührung nicht, die körperliche Nähe, die gemeinsame Luft zum Atmen, den gemeinsamen Kaffee zum Trinken müssen wir alle anderen Kanäle für unsere Wahrnehmung sensibilisieren. Das Herz, das Hinhören, das Sehen, das Sprechen, Agieren und Reagieren. Wir müssen kreativ werden im Umgang mit anderen. Und Lachen ist nach wie vor die kürzestes Verbindung zwischen zwei Menschen.

Kreativ werden im Umgang mit anderen

Anfang April ging ich mit einer Freundin im Wald spazieren: 2 Meter Abstand, beide mit Mundschutz, streng nach Vorschrift. Unnormal – natürlich.

Im nebeneinander Hergehen, nach vorne schauend, erzählte meine Freundin mir von ihrer strapazierten privaten Beziehung, die unter dem, was gerade die Umgangsregeln sind, leidet. Und plötzlich fing liefen ihr die Tränen herunter.
In diesem Moment wollte ich nichts lieber, als sie in den Arm nehmen und sie fest drücken. Ihr zeigen: Ich bin bei Dir. Während sie weinend stehenblieb, streckte ich meine Hand in ihre Richtung aus, sagte ihr, sie solle sich vorstellen, ich umarmte sie jetzt. Und sie umarmte sich selbst, und schaute mich dabei an.

Ein besonderer Moment. Für mich. Und er hatte es Qualität von echter Nähe. Bis heute halten wir dieses Ritual hoch: Sich selbst umarmen und dabei anschauen und innehalten. Das Verhalten ändert sich. Die Nähe bleibt.

Ein besonderer Moment. Persönlich. Nah

Im professionellen Coaching, 1:1, digital, mit meinen Klienten sitze ich einer anderen Person meist 2 Stunden gegenüber.  Wir sprechen und sehen uns in Echtzeit, agieren und reagieren aufeinander. Wir sehen und hören uns. Wir denken zusammen. Es gibt Momente des Schweigens, des Nachdenkens, des Wortesuchens. Gefühlt ist die Entfernung am Computer: 1,5 Meter, ca. Wir zeigen uns, als seien wir uns tatsächlich gegenüber. Nein, wir sind es: Uns gegenüber. Beieinander.

Wie im echten Leben

„Es fühlt sich an wie in echt“ bestätigte mir ein Klient, mit dem ich sonst nur im persönlichen Setting arbeitete. Eine Vertrautheit ist da, die Zugewandtheit auch. Diese Haltung wird über den Bildschirm vermittelt, das ist meine Wahrnehmung. Und die meiner Klienten. Auch wenn wir nur einen kleinen Ausschnitt der anderen Person sehen. Das Setting ändert sich. Die Nähe bleibt.

Lange war für mich die Qualität von Nähe, das physische Zusammensein im Coaching und Training unabdingbar und nicht verhandelbar. Auch ich habe dazugelernt: Die neuen technischen Möglichkeiten kommen verdammt nah ran an echte Nähe.

Zeigt Euch, wie Ihr gesehen werden wollt

Zumindest, sofern wir uns – wie im echten Leben – bewusst so zeigen, als wären wir zusammen mit Menschen, die uns wahrnehmen sollen. Jede/r Einzelne trägt bei zum lebendigen, interaktiven Meeting und Training. Sich zu zeigen und damit die bestmögliche Qualität von Nähe zu gestalten – auch per Video – können wir ganz bewusst herstellen.

Und es gibt noch mehr Argumente für’s Video:

Drei Vorteile von Video – Formaten

  1. Keine Steingesichter mehr. Sich die eigene Mimik bewusst machen hilft, wie früher auch. Und jetzt haben wir dafür auch noch unseren Spiegel direkt vor uns: im Screen.
  2. Mehr Bewegung: Es schadet nicht, die Hände und die Arme zu benutzen, zu lächeln, wenn es etwas zu lächeln gibt oder körperliche Übungen einzubauen. Die Übungen machen den Kopf frei und bringen Sauerstoff ins Hirn. Die TeilnehmerInnen sind eher bereit, aktiv zu werden, sich zu bewegen, Neues auszuprobieren. 8 Stunden pro Tag zu sitzen, ist nicht nur für mich eine Qual. Video-Meetings können so interessanter werden als manches Präsenz-Event vor Corona.
  3. Mehr Zeit beim Sprechen: Die Audio-Spur ist gnadenlos: Reden zwei Personen auf einmal, bricht irgendwo etwas ab. Endlich wird es fast jedem klar, dass ‚Den-anderen-Ausreden-lassen‘ zu besseren Gesprächen und damit auch zu besseren Ergebnissen führt. Und wer meint, seine Cleverness durch schnelles Sprechtempo zu unterstützen wird schmerzlich erfahren: die Silben werden vom System verschluckt und er/sie wird akustisch einfach nicht gehört. In einem entspannten Sprechtempo zu reden, verhilft  – wie im echten Leben – zu mehr Kontakt und Verständnis.

Ein Video-Meeting ist das Beste, das heute sicher möglich ist

Meine Zusammenarbeit mit Menschen in Gruppen-Formaten per Video kann und soll heute Spaß machen. Wie lebendig das ausschaut, kann man im Video, ganz oben in diesem Beitrag, gut sehen.

Ich gehöre nun nicht mehr zu denen die sagen:“ach, das geht nur im Präsenz-Setting“. Tatsächlich sehe ich in meinen Coachings und -Trainings, die per Video erlebt werden, viele Vorteile.
Der überraschendste: die eher introvertierten Menschen kommen eher aus sich heraus, kommen leichter in die Selbstreflektion und erzählen, weil sie sich geschützter fühlen mit dem Computer zwischen uns, auf dem eigenen Stuhl im Home-Office.

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In die Augen des anderen lachen, geht nicht. Mit dem anderen, schon

Der grüne Kamera-Punkt im Computer ist immer ein paar Zentimeter weg von dem Gesicht des anderen, auf das ich im Screen schaue. Ja, somit schauen wir uns nicht direkt in die Augen, sondern gefühlt ein paar Zentimeter daneben. auch sehe ich meistens nur seinen/ihren Oberkörper mit dem Kopf, den Hintergrund des Zimmers. Damit kann ich ihn nicht 100% „lesen“. Viel mehr als nur akustisch verstehen und visuell wahrnehmen kann ich trotzdem.

Manchmal ist die Perspektive mehr von unten, manchmal mehr von oben. Je nachdem, wie der Computer aufgestellt ist. Nicht immer setzen sich Menschen ins gute Licht. Manchmal gleicht das Bild mehr einem Scherenschnitt vor weißer Bürowand. Manchmal scheint der Kopf mit dem Kinn unten am Bildschirm festzuhängen. Manche reden nach rechts und links. Und es wirkt, als ob sie mehr für sich reden als mit mir als das Gegenüber.

Manche schauen mir auf ihrem Zweitcomputer auf’s Gesicht. Für mich wirkt es dann wie 45-Grad abgewendet. Nicht so richtig gut. Der gefühlt gute Kontakt ist so nur schwer möglich. Deshalb muss das, was vorher der schnelle Blick in den Spiegel auf der Bürotoilette war, heute der kritische Blick auf den Monitor sein. Die simple Frage „Wie siehst Du mich hier ?“ ist eine guter Weg, Selbst- und Fremdwahrnehmung miteinander abzugleichen.

Im Coaching mit meinen Klienten – meistens Führungskräfte im Home-Office – ist dieser Tage nicht selten das privat gemütliche Wohnszenario im Hintergrund, das brabbelnde Kleinkind zu hören oder die Wäschespinne sichtbar. Oder der Lebenspartner, der/die gerade kocht und sich völlig unbeobachtet wähnt. Schöne, wenn es etwas zum Schmunzeln gibt. Wie schön und förderlich, wenn es „menschelt“.

Eine Kollegin erzählte mir, ihr Klient entschied nach 8 Stunden auf dem Home-Office-Stuhl (einem Küchenstuhl) sich für’s Coaching spontan lang auf sein Bett zu legen und von dort aus das Coaching weiter zu führen. „Shocking!“ Aber neue Zeiten erfordern neues Verhalten. Absolut unmöglich wäre früher ein solches Setting gewesen. Ja. Früher.

Auch denke ich gern an den wunderbaren Spot, in dem der Mann im Hemd und Business Jackett vom Computer-Meeting aufspringt, um seinem kleinen Sohn hinterher zu laufen…bevor er realisiert, dass er untenrum nur die lange Unterhose anhat. Herrlich. Witzig. Die neue Distanz kann auf absurd komische Weise sehr privat sein.

Es fehlt der Handschlag, die Berührung, das Küsschen links und rechts

Das persönliche Gespräch/die physische Nähe ist durch nichts zu ersetzen. Das war vorher so. Und das bleibt. Vor allem bei emotionalen, konfliktbeladenen oder vertraulichen Gesprächen.

Wir, im selben Raum, wir atmen die gleiche Luft, nehmen den gleichen Geruch war, fühlen die gleiche Temperatur, schmecken den gleichen Kaffee. Nehmen viel mehr Körpersignale auf – vor allem unbewusst – und können die gesendeten Informationen für das bessere Verstehen der gesamten Gesprächssituation nutzen. Jetzt heißt es: „Treten Sie diesem Meeting bei.“

Schluss mit der Anfasserei.
Back to business. Was zählt ist die Sachebene. Oder nicht?

„Beziehungs- vor Sachebene“ gilt auch im Online-Meeting

Auch ich hatte früher eine ausgesprochene Aversion gegen alle digitalen Treffen. Ich erinnere mich an Meetings, bei denen die Menschen im Halbschatten, mit Audio-Aussetzern, auf den Stühlen mehr hängend als sitzend, mental offensichtlich abwesend schweigend darauf warteten, endlich von der Bildfläche zu verschwinden.

Oder zumindest so wirkten. Manche sehen so aus, als fühlten sie sich völlig unbeobachtet. Angestrengt ausgedrücktes Desinteresse. Checken von was auch immer. Haare kämmen im Spiegel des eigenen Videobildes? Auch schön…

In echten Meetings würde so etwas weniger passieren. Ist doch so, oder?

Wertschätzung ausdrücken, digital

Es ist schön, wahrzunehmen, dass es der andere ein frisches Hemd anhat (auch wenn wir es nicht riechen können.) Sich zurecht zu machen für den anderen, zu zeigen, „ich habe mich gut und mit Bedacht vorbereitet“, das ist im digitalen nicht anders als im echten Leben: Angenehm.

Wir zeigen Wertschätzung damit, wie wir uns kleiden, wie freundlich wir dreinschauen, mit welcher Stimmlage und Sprechgeschwindigkeit wir das Gespräch führen. Auch mit der simplen Nachfrage, ob der andere uns überhaupt verstanden hat. Es geht auch im Digitalen nicht nur darum, bloße Sachinformationen zu senden. „Beziehungs – vor Sachebene“ gilt auch vor dem Computer.

Die Formate ändern sich. Die Nähe bleibt.

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Krisen – was sie mit uns und unseren Beziehungen machen

Auf einmal ist alles anders. 

Menschen haben Krisen. Sie gehören zum Leben. Unsere Beziehungen leiden darunter. Das war schon immer so. Die aktuelle Corona-Krise betrifft uns alle. Das ist neu. Und ist für viele sehr beängstigend. Für die meisten ist das Ausmaß und die Konsequenzen dieser Krise eine völlig neue Erfahrung. Angst ist für die Betroffenen oft schwer zu fassen. Und doch ist das Gefühl von Angst sehr real.

„Wie gehe ich mit dem Gefühl der Ohnmacht und der Angst um?“

Es scheint, als hätte jemand die Stopp-Taste gedrückt. Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen. Endlich mehr Zeit? Kein gutes Gefühl! Ohne permanente Ablenkung und To-do-Liste haben die Gefühle mehr Platz. Angst, Wut, Trauer. Aber auch Freude. (Aber die kommt meist erst viel später). „Wie in Watte gepackt“ sagte eine Freundin. „Das, was jetzt passiert, kommt gar nicht richtig an mich ran“. Der Umgang mit Angst und Kontrollverlust ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst.

Jetzt ist der Moment da – alles ist anders – und zeigt sich als echte Herausforderung.

Selbst für mich, die das Arbeiten im Home-Office seit Jahren gewohnt ist, wochenlang alleine reiste, das Alleinsein in Stille sehr mag… auch für mich ist auferlegte physische und soziale Distanz etwas, das mich außerordentlich fordert.

Müssen wir weiter funktionieren und uns zusammenreißen? Nicht nur die Menschen, die mit Kindern den ganzen Tag zu Hause sind, seit Wochen, kommen an ihre Grenzen.

In jeder Beziehung ist die Gefahr größer, aneinander zu geraten.

Das Gefühl von Ohnmacht, Angst und Unsicherheit verändert jedes Miteinander. Ob Liebespaar, Freundschaft, Arbeitsteam: Im Stress zeigen wir andere Seiten von uns. Wir sind vielleicht empfindlicher oder verweigern uns der neuen Situation. Wir geraten in einen absurden Aktionismus oder fallen in eine Art Bewegungsstarre. In jeder Beziehung ist die Gefahr größer, aneinander zu geraten. Auch wenn früher (wie lange ist das her?) viel mehr Zeit mit den eigenen Kindern und mit dem Lebenspartner verbracht wurde. Viele sind genau damit jetzt überfordert. Die Beziehungen leiden darunter. Innerhalb der Familie, innerhalb der Partnerschaft. Auch Freundschaften werden in Frage gestellt. Und nicht zuletzt leiden wir an der Beziehung mit uns selbst. Wir sind im Krisen-Modus!

„Wie geht es mir mit mir?“

Meine persönliche Erfahrung ist, dass die Fähigkeit zur Selbstfürsorge der beste Schutz vor Überforderung in Krisenzeiten ist. Eine Überforderung, die nachvollziehbar auch die besten Beziehungen auf die Probe stellt. Folgende Fragen können die Selbstfürsorge unterstützen:

  • Wie denke ich wann über die Krise nach?
  • Wie finde ich Ruhe, wann kann ich schlafen?
  • Welcher Mensch unterstützt mich und was ist jetzt wichtig?
  • Wie kann ich andere um Hilfe bitten, und das bekommen, was ich jetzt brauche?

Mit diesen Fragen können gedankliche Negativ-Spirale und Gefühls-Chaos zumindest leichter verabschiedet werden. Und wir werden fairer gegenüber den anderen. Denen wir nahestehen. Von denen wir Trost und Unterstützung verdammt gut brauchen könnten, diese aber vielleicht nicht bekommen. Nicht jede/r kann mit Angstgefühlen des/der LebenspartnerIn gut umgehen. Allein die offensichtliche Bedürftigkeit kann nahestehende Menschen in die Flucht schlagen. In der Krise fährt jeder sein eigenes Programm.

Im Krisen-Modus aber muss ich wissen, was ich dringend brauche, um – ganz einfach – gut durch den Tag zu kommen. Nur so kann überhaupt erst die Möglichkeit entstehen, in den Kontakt mit mir selbst zu kommen und die eigene innere Ruhe wieder zu spüren.

Zur Ruhe kommen? Alles, nur das nicht.

„Zur Ruhe kommen? Ich will es so sehr, wie ich es nicht will“, sagte mir ein Klient einmal, der in einer tiefen persönlichen Krise steckte. „Krise als Chance? Was für ein bekloppter Satz, wenn die ganze Wucht einer Krise auf einem lastet!“. Recht hatte er. Krisen lassen eben wenig Platz für die Sicht auf das, was trotzdem möglich ist.

Aber manchmal bewirkt eine Krise allein aus der schieren Notlage heraus den ersten nötigen Schritt, aus alten Denk- und Verhaltensmustern auszubrechen. Was hilft, ist dem Impuls zu widerstehen, sich davon ablenken zu lassen.

Jetzt haben wir die Zeit. Wir können und sollten uns jetzt öffnen für das, was vorher alles nicht möglich war. Oder nicht nötig schien:
Eine alte Freundin anrufen. Sich zu entschuldigen für einen alten Konflikt. Einen lieben Menschen anrufen. Ihm/ihr sagen, dass man ihn vermisst, an ihn denkt, ihn jetzt braucht, ihn liebt. Oder sie.
(Anmerkung: m/w/d: Alle Formen sind hier gemeint.)

Nicht mehr ablenken lassen von dem, was wichtig ist.

Nicht mehr ablenken lassen vom reflexhaften Blick auf das Handy, von der permanenten Nachrichten-Flut, von Vorausahnungen, wie: „Ich muss… / Man muss… / Das geht nicht / Er/sie wird doch nur wieder sagen, dass…“, etc. Wir sehen gerade, was alles in der Krise geht und was – vor der Krise – absolut unmöglich schien. Allein das ist ein großes Plus. Vielleicht lässt sich dieser neue Blick auf die Welt auch auf Beziehung übertragen?

Verstehen: Um was geht es hier gerade?

Eine weltweite Krise ist vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, Beziehungsdiskussionen zu führen.

Lange Zeitungsberichte künden aktuell davon, dass häusliche Gewalt nun zunehmen wird.  Manche Familienmitglieder / LebenspartnerInnen halten sich jetzt gar nicht gut aus. Beziehungen gut und gegenseitig stärkend zu führen ist leichter, wenn es beiden Seiten blendend geht. Oder wenn beide wie verrückt beschäftigt sind, sich auspowern im Job, sich mit Konsum von was auch immer ablenken …Aber müssen wir uns ablenken, damit die Beziehung funktioniert?

Um welche Gefühle und unerfüllte Bedürfnisse geht es, wenn es laut wird, Türen knallen, weggerannt, geheult und geflucht wird? Vielleicht ging es beim Streit mit der guten alten Freundin gar nicht um den falschen Ton, das Thema oder darum, wer es wieder mal besser wusste.

Unerfüllte Bedürfnisse

Menschliche Bedürfnisse können sehr vielfältig sein. Unerfüllt bringen sie Leid, Schmerz, Frust. Z.B. unerfüllte, grundlegende Bedürfnis von:

  • menschlicher Wärme
  • ernstgenommen zu werden
  • Zugehörigkeit
  • Vertrauen
  • Fürsorge
  • Ordnung o.Ä.

Wenn die ewigen Diskussionen nichts mehr bringen, könnten wir doch auch einmal den Versuch wagen, über unsere Bedürfnisse zu sprechen. „Mir ist es gerade so wichtig, dass Du jetzt da bist und mir zuhörst. Und mich verstehst. Mehr nicht. Das brauche ich jetzt von Dir.“ Nur die Erfüllung unserer wahren Bedürfnisse macht uns satt macht und nährt uns. Nicht die Diskussion darüber.

Zum eigenen inneren Kern zu kommen und dabei Frieden zu finden – ist das jetzt zielführend? 

‚Nach der Krise wird alles besser’? Wer weiß. Und wer weiß, wie lange sie noch anhalten wird. Wollen wir darauf warten? Ich als Einzelne/r kann schon jetzt – in der Krise – meinen Blick bewusst auf das Positive richten und überlegen:

Was fühle ich und was brauche ich. Jetzt.

Jetzt ist die Zeit umzudenken, ein anderes Verhalten zu entwickeln. Eines, dass sich besser anpasst an die ur-eigensten Bedürfnisse. Oder die Wahrscheinlichkeit erhöht, die Menschen zu finden, die das gut verstehen können. Vielleicht haben wir sie ja schon gefunden?

Und morgen: Was will ich an meinem Leben ändern? Wie wünsche ich mir meine Beziehungen? Wovon will ich Zukunft mehr? Und was muss ich dafür tun?

Darüber lohnt es sich nachzudenken: Wo haben wir uns verbittern lassen, waren streng, kleinherzig, unnachgiebig, egoistisch und sicher, dass der andere im Unrecht war? Und was davon drückt sich – vielleicht gerade heute –  verstärkt in Streit und Beziehungsstress aus.

Die eigenen und fremden Ressourcen zu schonen und zu sagen: „Ah, geht ja irgendwie: Eigentlich brauche ich ja wirklich nicht von München nach Berlin fliegen, / muss nicht unbedingt einmal im Leben eine Kreuzfahrt machen / muss nicht noch mal erklären, wer Schuld hatte beim letzten Streit / nicht nachtragen. Ich kann ja auch großzügig sein, vergeben, den anderen lassen, einatmen, ausatmen, bei mir sein.“

Vielleicht bleiben wir auch nach Corona bei den überzeugenden Argumenten dieser weisen Haltung. Es ist wichtig, sich zu fragen: Was ist mein Anteil an dem, was jetzt passiert: Mit uns. Mit den Menschen um uns herum. Mit der Welt.

Daran können wir arbeiten: An uns selbst.

Gedanken, die wir im Gespräch miteinander austauschen. Vielleicht nicht zwingend mit dem Lebenspartner. Vielleicht passt auch gerade nicht der sonst allerbeste Freund zum reden. Eventuell ist da ein anderer Mensch, den wir gar nicht so gut kennen, aber dem wir in diesem Moment der Krise vertrauen und der es auch tragen kann, wenn wir laut darüber nachdenken, wen oder was wir brauchen an unserer Seite, um gut durch die aktuelle Krise zu kommen. Nicht immer sind diejenigen an unserer Seite,  von denen wir vorher glaubten, sie seien auf jeden Fall da, wenn’s hart auf hart kommt.

Akzeptieren wir das. Seien wir großzügig. Wir sind im Krisen-Modus! Ich glaube, dass es sich lohnt. Der eigene Partner/Partnerin/best Buddy, gute alte Freundin kann und wird nie alles erfüllen können.

Wahrscheinlich wird uns die gerade alles beherrschende Pandemie noch viele Monate begleiten. Und wenn nicht: die nächste Krise kommt bestimmt. Dann brauchen wir wieder alle die und alles das, was uns stärkt.

Wir sollten gut für uns sorgen. Unsere Grenzen kennen. Und sie setzen.

Was ist, wenn ich es alleine nicht schaffe?  

Es ist keine Schande, um Hilfe zu bitten. Es ist eine Stärke, sich der eigenen Schwächen bewusst zu sein. Um Hilfe zu bitten verlangt vielen sehr viel Mut ab. Wir zeigen uns anderen Personen gegenüber verletzlich und schutzlos. Wir zeigen uns anders als sonst. Manche unserer liebsten Menschen überfordert das völlig. Rückzug, Aggression oder absolute Hilflosigkeit können die Reaktionen darauf sein. Überforderte Menschen scheuen sich davor, professionelle Hilfe zu suchen wie Coaching oder Therapie. Es wird immer noch häufig gleichgesetzt ist mit der Annahme: Der/die kriegt es nicht alleine hin. Ja, manchmal ist ganz genau das der Fall.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Auch Erfolgsmenschen haben damit ihr Thema.

Mein persönliches Beispiel: Ich hatte schon immer Flugangst. Als Frau Anfang dreißig wurde diese Angst jedes Jahr schlimmer. Als Werbeprofi, der ich damals war, war es schick von Hamburg nach Frankfurt zu fliegen. (Es waren andere Zeiten!). Als starke Frau, für die ich mich immer gehalten habe, riss ich mich zusammen. Die Folge: Die Angst breitete sich aus: ich spürte sie irgendwann auf der Reise in schnellen Zügen. Angst, die sich von hinten wie ein schwerer nasskalter Poncho auf mich drauflegte und mir die Luft raubte. Ein komisches Geräusch konnte Auslöser sein. Ein Geruch, den ich während der Fahrt nicht einordnen konnte. Ich drückte es mit viel Kraft weg. Danach fing es an, dass mich schnelle Autofahrten derartig stressten, dass mir ganz schlecht wurde. Ich wartete solange, bis es richtig schlimm wurde. Bis ich endlich aus der Not heraus etwas anderes machte: Ich bat um Hilfe.

Um Hilfe bitten!

Ich war es schlichtweg nicht gewohnt, zu einem anderen zu sagen: „Bitte, hilf mir. Ich brauche Dich jetzt.“ Mit Hilfe einer Therapie konnte ich mir damals neues Verhalten mühsam angewöhnen: Direkt beim Einstieg ins Flugzeug auf eine Stewardess zuzugehen, mich namentlich (!) vorzustellen und die Stewardess zu bitten, wenn möglich, sofort zu meinem Platz zu kommen, wenn es wackelt während des Fluges. Und dass „ich Angst habe. Flugangst. Verstehen Sie?“ Dieses konkrete Aussprechen, von mir, laut, hörbar, dieses neueVerhalten – gelernt vom Profi – das half. Und es hilft bis heute.

Lebenspartner sind nicht immer die beste Anlaufstelle für die eigene Angst. Und ich glaube, Liebe allein reicht nicht. Wichtig ist, zu wissen: Wir sind jetzt alle noch im Krisen-Modus. Selbst wenn wir uns in Woche 4, 5 oder 6 der Corona-Krise schon irgendwie zurechtruckeln und wieder „funktionieren„ – die tiefe Verunsicherung wird wahrscheinlich noch eine Weile bleiben. Die Bilder der Zustände in italienischen Krankenhäusern gehen so manchem nicht mehr aus dem Kopf. Kaum einer weiß, was morgen passiert. Das ist nicht trivial. Es ist existenziell. Es gibt keine schnelle Lösung in Form von Kalender-Sprüchen und „Alles wird bestimmt wieder schön“. Es gibt nur den besten Umgang mit dem, was jetzt ist. In diesem Moment. Gut durch den heutigen Tag kommen. Das ist ein Erfolg. Das ist schon gut genug. Auch das sollten wir annehmen und anerkennen.

Die Fähigkeit, sich abzugrenzen zu denen und dem, was zusätzlich Energie raubt, ist Gold wert. Erst wenn es uns gelingt, uns selbst gut zu führen, können wir kraftvoll für andere da sein. Das ist meiner Meinung nach das, was jetzt mehr denn je gebraucht wird. Was ebenfalls stärkt und nährt.

Das Gute im Schlechten sehen. Und darauf aufbauen.

Der Weg führt weg vom worst-case-szenario, hin zu dem, was – trotz allem – gut ist. Das Mantra-artige wiederholen der weltweiten Ungerechtigkeiten ist genau so wenig hilfreich wie die persönlichen Fehler des anderen und alte Verletzungen immer wieder zu verbalisieren.

Wir können alle etwas tun, jeden Tag. Wir können auch durch die selbstgemachte Schutzmaske lächeln. Wir können miteinander sprechen. Miteinander schweigen, uns sehen. Ja, zurzeit nur digital. Ja. Jeden Tag. Das hat Einfluss und Wirkung. Auf andere und auf uns.

Wer die eigene Wirksamkeit im Guten spürt, dessen negative Perspektive wird automatisch kleiner. Wir sind nicht machtlos unser Angst gegenüber ausgeliefert. Unser Vermögen, das Gute im Schlechten zu sehen, macht sie kleiner. Es auszusprechen, was jetzt gut geht, macht sie kleiner. Es gibt dem anderen Kraft und Vertrauen. Diese Kraft steckt an und kommt zurück. Nicht sofort und nicht mit voller Wucht. Sondern eher leise und in kleinen Schritten.

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